Bin auf ein paar Tage weg. Bei Freunden im Tessin, in der Nähe des Lago Maggiore. Sehr ruhig hier. Mit viel Distanz vom Objekt der Freundschaft Plus, zu der freundlicher Weise noch immer eure kompetenten oder inspirierenden Kommentare eingehen. Ich glaube, dass ich es einfach wagen werde, wenn ich wieder zurück nach Rhein-Main komme. Ein Sprung ins kalte Wasser, das sich danach vielleicht sogar als warmer Whirlpool der Gefühle herausstellen wird?

Bleibt mir gewogen, während ich hier auf Bergpfaden durch den Spätsommer stiefele.

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Freundschaft Plus

Damit das gleich von Anfang an klar ist, weil ich nicht um den heißen Brei herumreden will: Ich schreibe hier über diese Sache, die im Englischen Friends With Benefits  genannt wird. Es geht also um die Ausweitung einer unromantischen freundschaftlichen Beziehung hin zu einem Verhältnis, das auch gemeinsame Zärtlichkeit und Sex zulässt.

Ist als Konzept relativ neu, und wie mir scheint auch relativ kompliziert. Es soll sich einerseits nichts ändern an der bewährten Freundschaft zwischen zwei Menschen, aber andererseits sollen zusätzliche Möglichkeiten dazu kommen. Ohne dass die alte Beziehung Schaden nimmt oder auch nur verändert wird. Wenn also mal einer der beiden Plus-Freunde Abstand will, braucht er sich nicht zu erklären, zu lügen, oder zu fliehen. Sie oder er muss nur sagen: Sorry, ich hab heute was anderes vor. Oder keine Lust. Und der andere akzeptiert das mal so, ohne die Antwort zu hinterfragen oder eine Partnerschaftskrise daraus zu konstruieren, auch nicht wenn die Abfuhr zwei- oder dreimal vorkommt. Weil eine klassische Partnerschaft, also gemeinsame Verantwortung für das Miteinander, die gibt es nicht.

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Hört sich für mich modern und total toll an. Aber die Fallstricke lassen sich erahnen. Mir scheint, sowas kann nur funktionieren, wenn keiner der Kandidaten in den anderen verliebt ist, oder Gefahr läuft, sich womöglich zu verlieben. Denn sonst drohen sofort Anspruchsdenken und letztlich Eifersucht, das sehe ich ein.

Also bräuchte es Regeln. Vereinbarungen, über die sich keiner von beiden hinwegsetzen dürfte. Sonst platzt die Beziehung eher früher als später.

  • Keine Partnerschaftsrituale. Also keine gemeinsame Wohnung, keine Wäschedepots in den gegenseitigen Appartements, keine Regelmäßigkeiten wie Gute-Nacht-WhatsApps, festgelegte Bumsabende oder Partnerautomatismen: Wenn ich eingeladen bin, dann ist er eben nicht automatisch dabei. Und wenn ich kuscheln will, melde ich mich und warte nicht auf seine Initiative.
  • Kein öffentliches Bekenntnis zum anderen. Die Frage Außenstehender, ob Frau denn nun mit ihm zusammen sei, ist unbedingt mit nein zu beantworten. (Vögelt ihr miteinander? Dazu könnte man zwar durchaus ja sagen, je nach Vertrauensverhältnis zum Frager. Ein Gebot zur Geheimhaltung braucht es meiner Meinung nach nicht. Aber Missverständnisse sind dann vorprogrammiert.)
  • Eine Reißleinen-Vereinbarung. Wenn einer von beiden merkt, dass ihr – oder dem anderen die Beziehungsbedingungen zu entgleiten drohen, muss man einen radikalen Schnitt machen können, ohne von dem Freund zur Rechtfertigung gedrängt zu werden.

Jedenfalls sollten sich beide bewusst sein, dass mit einem Ende der Freundschaft Plus auch das Ende der früheren normalen Freundschaft einher gehen kann. Wahrscheinlich sogar zwangsläufig wird, oder?

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Ich weiß, mein Blog hat keine besonders große Reichweite. Aber vielleicht hat doch der eine oder andere eine Meinung oder Erfahrungen zum Thema. Würde mich freuen.

Die Menschen, die sich hier präsentieren, haben keine Zeit für einen Partner, sie müssen surfen. Der Tinder-Single ist ein Sport-Monster, er demonstriert bildreich seine Bereitschaft zur physischen Instandhaltung. Männer gerne oberkörperfrei.

Felix Dachsel (28), Redakteur bei DIE ZEIT über Tinder