Ich war ein schlampiges Mädchen. Sogar noch mit vierzehn, fünfzehn. Ständig hatte ich blau eingefärbte Tintenfinger, die Haare standen verlegt vom Kopf ab, oder ich hatte eine Laufmasche in der Strumpfhose. Löcher in den Socken. Ungeputzte Schuhe. Fehlende Knöpfe an der Bluse. Abgeblätterter Nagellack. Natürlich machte ich das nicht mit Absicht. Es passierte mir einfach. Den Füller aufgeschraubt, um eine neue Patrone einzulegen, und schon hatte ich wieder blaue Kleckse an den Fingern. Morgens im Bus sah ich mein Spiegelbild in der Scheibe und dachte: Oh, Mist! Schon wieder vergessen, mich zu kämmen. Oder ich starrte geschlagene 45 Minuten im Religionsunterricht die fleckigen Sprenkel der Restlackierung auf meinen Fingernägeln an und schwor mir bei Gott dem Allmächtigen, an diesem Nachmittag ganz bestimmt … (Und am nächsten Tag in Mathe erblickte ich erneut das unveränderte Desaster auf meinen Nägeln. Vielleicht ist das der Grund, warum ich nicht mehr an Gott oder Religion glaube.)

In dieser Hinsicht war ich offensichtlich anders geraten als der ganze Rest meiner Mitschülerinnen, denen das natürlich auch auffiel. Das Konzept der Ironie hatten wir damals schon verinnerlicht, und deshalb rief mich die halbe Klasse „Adrette“. Ihr versteht das ungeheuer witzige Wortspiel, nicht wahr?
Nicht dass mich das besonders gestört hätte. In meinem Kopf waren damals einfach noch ganz andere Sachen wichtig. Zum Beispiel Alan Williams und die Rubettes. Sugar Baby Love! Dabei schmolzen wir dahin, meine beste Freundin Annie und ich, auf der Tagessteppdecke über dem Bett in meinem Mädchenzimmer. Einträchtig unter dem Poster der englischen Top-of-the-Pops-Band, die damals ihren Nummer eins Hit gelandet hatte und schon ein Jahr später durch eine andere Gruppe ersetzt wurde. An unseren Zimmerwänden und in unseren Köpfen. Und Herzen. Ich glaub, das waren dann die schottischen Bay City Rollers, Love Me Like I Love You. Aber das ist ja eine ganz andere Geschichte als die, die ich dabei bin zu erzählen.

Gemessen an heutigen Maßstäben war ich eine totale Spätzünderin. Wenn ich meiner Nichte Glauben schenken darf, dann haben die meisten Mädchen heute schon mit dreizehn oder vierzehn mit dem ersten Freund eine Runde auf dem Laken gedreht. Dass Jungs mehr als eine Statistenrolle in meinem Leben spielen könnten, begann ich erst deutlich nach der Zeit mit Rubettes und Bay City Rollers zu begreifen.
Damals, ich muss sechzehn gewesen sein, trug sich nämlich eine Begebenheit zu, die ich hier nicht verheimlichen will. Eines Nachmittags, ich saß alleine auf dem Flur vor dem Kunstunterrichtsraum herum und kritzelte meine Hausaufgaben in die Hefte, trat Michi auf mich zu, setzte sich neben mich auf die Bank und legte mir eine schwitzig-warme Pfote auf den Oberschenkel, direkt auf eine breite Laufmasche, die unter meinem Rocksaum hervorkroch und sich schon bis unter das Knie ausgeweitet hatte.
Mit erstaunt aufgerissenen Augen starrte ich Michi an. Was tat der da? Was bildete der sich eigentlich ein? Und dann fragte der Junge wie aus heiterem Himmel, ob wir nicht miteinander gehen könnten, er und ich. Weil ich würde ihm so gefallen. Bis zu diesem Augenblick war die Situation für mich einfach nur eine ganz normale Katastrophe, wie sie wieder nur mir passieren konnte. Ausgerechnet dieser Michi, der dickliche „Pickel-Michi“, wie ihn alle nannten!
Aber dann kam erst der echte Hammerschlag. Den versetzte mir Michi sozusagen im Nachsatz, so wie Donner nach dem Blitz. „Weil ich steh total auf Schlampen wie dich, Annette. Du bist so scharf, so geil!“ Diesen Satz werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Und damals bedeutete das Wort „geil“ auch tatsächlich noch nichts anderes als geil.

°\°|°/°

Natürlich wurde nichts aus Michi und mir. Das lag sehr wahrscheinlich in der Hauptsache daran, dass ich nach seinem wortgewandten Antrag so weit ich konnte mit der Rechten ausholte und diesem unverschämten Kerl eine schallerte, dass sich die Kunstlehrerin in der folgenden Unterrichtsstunde um Michi als mögliches Opfer häuslicher Gewalt sorgte.

Übrigens war ich von Tag an geheilt. Nie wieder Tintenfinger, aber dafür immer perfekt lackierte Fingernägel! Und ich kann auch heute noch nicht in Strümpfen aus dem Haus gehen, an denen sich eine Laufmasche ankündigt. Gibt es außer mir noch Frauen, die im Handschuhfach des Autos für den Fall des Falles immer Ersatznylons liegen haben?

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2 Gedanken zu “Die Adrette

  1. Herrlich! Ich wäre gerne neben Dir in der Klasse gesessen. Weil ich dieses dezent Punkige ganz sympathisch finde. Vielleicht rede ich mir damit aber auch nur schön, weil bei mir Nagellack immer innerhalb von 24 Stunden abzublättern anfängt und meine Haare selbst (oder erst recht) nach 6 Stunden in der Arbeit total nach out of bed aussehen.

    Übrigens: Das Gemeine ist, dass ja angeblich längst Konzepte vorliegen für unkaputtbare Strumpfhosen. Aber weil die nicht so „wirtschaftlich“ sind, gehen sie gar nicht erst in Produktion.

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  2. Ja, heute würde man meine damaligen Auftritte punkig nennen. Damals hieß es noch schlampig ;-)

    Und nochmal ja, die Strumpfhosenindustrie kann sich gefühlt alleine durch meine Einkäufe gesund stoßen. Was ich schon an Geld in Strümpfe investiert habe, dafür kaufen sich andere Menschen einen gebrauchten Kleinwagen.

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