Die Tattooplage ist Ausdruck der Proletarisierung unserer Gesellschaft, ein orientierungslos durchdrehender Versuch der Selbstoptimierung.

Als ich diese Gefechtsnotiz letzthin auf einer meiner täglichen Lektüreseiten las, fiel mir plötzlich wieder ein, dass ich zur Feier meines letzten runden Geburtstags von einer Gruppe Hühner Mädels Freundinnen einen Gutschein für eine Tätowierung geschenkt bekommen habe.
„Wir haben überlegt, ob wir für dein Fest zwei Stripper buchen, oder dir so ein Tattoo auf den Hintern nadeln lassen sollen. Das Tattoo hat in der Abstimmung knapp gewonnen“, erläuterte Sylvie die Auswahl des Geschenks.

Da hatte ich wohl nochmal Glück gehabt. Denn für meinen Geschmack gibt es kaum Entwürdigenderes als eine Gruppe erwachsener Damen, die angeschickert kreischend die Nymphomaninnen raushängen lassen und auf Stöckelschuhen um männliche Stripper herumtrippeln, die ihre Söhne sein könnten, ihnen die Sixpacks betatschen und anzügliche Bemerkungen machen, wer jetzt gleich mit welchem der beiden …
Mir gruselte beim Gedanken an den Kelch, der gerade an mir vorüber gegangen war.

Allerdings war mir bei der Aussicht auf ein Tattoo nicht unbedingt um Größenordnungen wohler als mit den Strippern.
„Das mit dem Hintern kannst Du Dir ja nochmal überlegen, Annettchen“, gab Sylvie zu bedenken. „Ich an Deiner Stelle würde mir was aufs Schulterblatt stechen lassen. Einen kleinen Drachen vielleicht? Das sieht edel aus.“
„Oder in den Ausschnitt, oder auf den Bauch. So von der Brust bis rund um den Nabel?“, kam ein Gegenvorschlag. „Du hast doch ständig irgendwelche Kerle. Die sehen sowas bestimmt gern, wenn ihr *******!“ (Danke, Chris, diesen Kommentar musste ich leider zensieren. Und das mit den „ständig irgendwelchen Kerlen“ ist eine Unterstellung.)
„Ihr spinnt wohl“, ließ sich eine dritte Stimme vernehmen. „Lass dir doch was von der Hüfte auf den Oberschenkel runterringeln, Annette! Macht sich toll im Bikini, und wenn du Mini trägst, sieht es bestimmt verführerisch aus, wenn sich etwas unter dem Rock heraus in die Halterlosen schlängelt.“

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Mir wurde ganz anders bei den Vorschlägen meiner Freundinnen zur Bebilderung meines Körpers. Zwar sehe ich das Thema Tattoo nicht so radikal wie Trithemius da oben im Zitat, ich zucke beim Anblick kolorierter Mitmenschen halt die Schultern. Leben und leben lassen, jedem Tierchen sein Pläsierchen.
Aber dann selbst zur wandelnden Litfaßsäule zu mutieren, das ist doch etwas anderes. Was also tun?

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Im Schlafzimmerspiegel betrachtete ich die rote Rose auf meiner Kehrseite, oben an der Schulter, für die der Geburtstagsgutschein meiner Freundinnen ausgereicht hatte, und musste lächeln. Nett, das Blümchen. Aber irgendwie isoliert, so einsam da hinten auf meinem Rücken.
So konnte das nicht bleiben, und deshalb wurde aus der vereinzelten Rose unter Einsatz meiner Ersparnisse schließlich ein ganzer Strauß, der sich von der linken bis zur rechten Schulter über mein Dekolletee verteilte und zuletzt von einer blauschwarzen Girlande der Vergänglichkeit verbunden und zusammengehalten wurde. Kein Arschgeweih, keine kryptischen Runen, sondern die Schönheit des Lebens, die ja irgendwann für uns alle ein Ende finden wird.

Ja, das gefiel mir. Ein Statement, eine klare Aussage, hinter der ich hundertprozentig stehe!

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Kennt ihr dieses Gefühl, wenn ihr aus einem Albtraum hochschreckt mit klopfendem Herzen und dem absoluten Grauen im Kopf: Ich bin gestorben, eben bin ich gestorben!
Genau so fühlte ich mich, als ich gegen Mittag nach meiner Geburtstagsfeier von der Matratze in die Höhe fuhr und mich erst wieder beruhigte, als ich im Badezimmer vor dem Spiegel stand und mit einem Seufzer die gleichmäßige Blässe meiner Haut sah. Noch nie war ich so glücklich über meinen Körper, wie in diesem Moment!

Den Gutschein des Tattoo-Studios habe ich an meine Nichte weitergeschenkt, die schon lange eine Partnertätowierung mit ihrem Freund plant. Und zur Rufwahrung bei meinen Freundinnen werde ich irgendwie geschickt das Gerücht eines roten Herzens auf meinem Hinterteil lancieren. So eines mit geringeltem Spruchband, auf dem MILF steht. Das wird ihnen ganz sicher gefallen.

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11 Gedanken zu “Genadelt

  1. Eben, nachdem ich deinen Text gelesen hatte, bin ich zum Essen in die Stadt geradelt. Als ich mein Rad abschloss, fiel mir ein, womit ich die Tattoos noch vergleichen könnte. Ich gebe zu, der Ausdruck MILF ist erotischer, aber letzlich ist jedes Tattoo vergleichbar dem „Manni“-Schild hinter der Windschutzscheibe eines LKW, beides Ausdruck der Prollkultur. Gut, dass du auf deinen Traum gehört hast.

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    1. Ganz ehrlich, so richtig tattoogefährdet war und bin ich nicht. Ich mag die Dinger auch nicht. Und Manni- oder MILF-Schildchen reizen mich ebensowenig. Ich habe die Idee nur in memoriam Markus, dem S-Bahn-Prinzen, auf den Tisch der Geschichte gebracht. Und irgendwas muss ich ja auch den Mädels erzählen. Unbesorgt, also ;-)

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  2. Uff – im ersten Moment dachte ich, nun stellt sie ihr Dekolleté Tattoo zur Schau :!:
    Ich spielte schon mit dem Gedanken, hier nicht mehr mitzulesen – ich finde, es ist eine sehr gute Entscheidung, diesen Gutschein weiterzuschenken … :D
    Wo stammt jetzt eigentlich dieses abschreckende Beitragsfoto her?
    Sieht total echt aus {und ziemlich ätzend, falls jemand meine Meinung interessiert} !

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    1. Das Beitragsbild war natürlich pure Absicht, um erst mal Angst und Schrecken zu verbreiten ;-)
      Und wie ich schon schrieb, alle Bilder sind entweder von mir (in diesem Falle nicht), oder aus Quellen der „Public Domain“. Glücklicherweise habe ich einen erfahrenen Mentor, der sagt: klau keine Fotos, sondern hol Sie dir von lizenzfreien Anbietern, wenn du keine eigenen hast. Davon gibt es genug in diesem Wahnsinnsnetz. Guter Tipp, glaub ich.

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    1. Ja, Wikicommons sind gut. Besonders für Bilder mit historischem Hintergrund. Sonst schnüffle ich in Herrn Wortmischers Notizblock, wo er eine Liste hinterlegt hat. Woher genau ich das tätowierte Dekolletee habe, weiß ich nicht mehr. Aber ich habe ziemlich lange danach gesucht.

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  3. Hihi, witzig geschrieben! d..
    a gibt es solche Tatoo-Aufbapper, weißt Du, was ich meine? Die können seeehr echt aussehen und untermalen vielleicht Dein Gerücht, wenn Du bei der nächsten Party ein kleine Rose auf der Schulter… Alles Liebe, Nessy von den happinessygirls.com

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  4. ich bin auch kein Tattoo-Fan, aber ich verstehe nicht warum das Ausdruck der Proletarisierung der Gesellschaft sein soll. Ich kenne nicht viele „Proletarier“, aber die die ich kenne haben zumindest keine sichtbaren Tattoos. Die Leute mit Tattoo, die ich kenne, sind keine Proletarier. Soll wohl heißen, alles was dir nicht gefällt ist „proletarisch“, aber das ist nonsense.

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    1. Wenn ich das Zitat am Anfang meiner Geschichte richtig interpretiere, meint Herr T., von dem es stammt, nicht Proletarier sondern Proleten oder Prolle, also Menschen aus bildungsfernem Milieu, deren Umgangsformen als unkultiviert empfunden werden. (*hust*, wie hab ich das wieder formuliert?)

      Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste und habe mich jahrelang schwer getan, tätowierte Menschen nicht sofort in die Matrosen-, Rocker-, Knasti- oder Luden-Schublade zu stecken. So war das eben früher, obwohl ich dir natürlich recht gebe: Heute sind Tattoos weniger Stigma als Lifestyle.

      Jetzt bliebe die Frage, ob tatsächlich gerade eine Verschiebung proletenhaften Lebensstils in Richtung der Mittel- oder gar Oberschichten stattfindet. Das müsste man aber wahrscheinlich an mehr als nur dem Symptom „Tattoo“ festmachen können.

      (Jedenfalls danke sehr für deinen Kommentar, der mich zum Nachdenken gebracht hat.)

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