Ich habe versucht, Herrn W. als sprachkundige Begleitung für einen Septemberbesuch des Prado-Museums in Madrid zu gewinnen. Leider vergebens, kein Urlaub. Schade, ich hätte gern mit jemandem, der spanisch spricht, die Ausstellung der Werke von Hieronymus Bosch1 und gleichzeitig Madrid besucht.
Dalí und Bosch, das sind meine beiden Pinselhelden. Beide Verrückte, ohne Zweifel. Getriebene oder Gepeinigte ihrer Fantasien. Und folgerichtig schätzte Dalí das Werk Boschs überhaupt nicht und nannte es „schreckliche Verdauungsstörungen des Mittelalters“. Er wollte mit diesem anderen Irren nicht in Verbindung gebracht werden. Dabei sind Parallelen kaum zu übersehen. Finde jedenfalls ich, die ich zwar überhaupt keine fundierten kunsthistorischen Kenntnisse aber trotzdem eine Meinung habe.

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Mein Faible für Bosch verdanke ich einer Urlaubsreise vor einigen Jahrzehnten und dem schlechten Wetter, das damals an der Nordseeküste in den Niederlanden herrschte. Meine Eltern schleppten die kleine Annette im zarten Alter von rund zehn Jahren in irgendein Museum. Ich erinnere mich nicht daran, wo das genau war. Und ich weiß noch nicht mal, ob wir dort in der Ausstellung Bosch-Originale sahen oder Reproduktionen.
Tatsache ist jedoch, dass ich damals vor dem Garten der Lüste hängen blieb. Unlösbar. Fasziniert bis zur Selbstvergessenheit. Mein Papa erzählte mir später, dass ich mehrere Stunden vor dem Triptychon stand und kein Versuch fruchtete, mich wegzulocken. Keine Spaghetti- und keine Eisversprechen. Er und Mama seien dann einigermaßen verzweifelt ins Museumscafé gegangen und hätten abwechselnd alle zehn Minuten nach mir gesehen. Andere Museumsbesucher hätten sich unglaublich über das kleine Mädchen vor dem Gemälde amüsiert.

Obwohl mir niemand etwas zu dem Bild erklärte, verstand ich intuitiv eine ganze Menge. Auf dem linken Flügel das Paradies, Gott, Adam, Eva, die Schöpfung. Rechts das Grauen der Hölle. Und dazwischen in der Mitte all das, was die Menschheit vom Paradies in die Hölle treibt.
Ich muss dazu sagen, dass ich kurz zuvor „aufgeklärt“ worden war. Und auf einmal sah ich Darstellungen dieser nebulösen Sexsache, die ich mir in meinen Mädchenfantasien irgendwie zusammengereimt hatte. Natürlich verstand ich damals überhaupt nicht, dass die Vögel auf dem mittelalterlichen Wimmelbild durchaus als Hinweis auf „Vögeln“ verstanden werden durften. Aber all die nackten Menschen auf dem Mittelteil des Gemäldes erklärten mir in einer Art vorpubertärer Erleuchtung, was es mit dem Geschlechtlichen auf sich hatte. Es war einerseits grausig, aber andererseits ein unerschöpflicher Fundus an illustrierenden Szenen. Das also war dieser Sex! Hieronymus Bosch, einer der ersten Pornographen?

Meinen Eltern muss ich zugute halten, dass sie sich das Bild mit anderen Augen angesehen und keine Ahnung davon hatten, was in mir vorging. Aber ich werde das nie mehr vergessen. Wundert sich jemand darüber, dass der Mittelteil des Triptychons als Kunstdruck heute in meinem Schlafzimmer hängt?

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Kein Prado also leider. Aber glücklicherweise gibt es ja das Internet. Dort finden alle von Bosch Besessenen eine Website, auf der man in die Details des Gemäldes eintauchen kann. Je nach Wunsch mit oder ohne Erläuterungen. Sehr empfehlenswert, kann man ohne Zweifel auch stundenlang machen. Aber vielleicht spinne ich ja bloß mal wieder.

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1 Nur noch bis Mitte September. Und keinesfalls ohne Reservierung!

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12 Gedanken zu “Im Garten der Lüste

  1. Ich war im Mai in s-Hertogensbosch zur großen Ausstellung. 2016 ist der geniale Maler nämlich 500 Jahre mausetot.
    Der „Garten der Lüste“ allerdings fehlte dort im Original. Vermutlich hat der Prado ihn nicht rausgerückt. ;-) Nun, so mussten sich die Besucher mit einem guten Druck begnügen.
    Das Original habe ich vor ein paar Jahren im Prado gesehen. Beeindruckend. Man kann sich kaum satt sehen.

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  2. Hieronymus Bosch ist auch für mich sehr anziehend und der ‚Garten der Lüste‘ besonders faszinierend. Leider kann auch ich kein Spanisch, nur ein paar Sätze Portugiesisch, was sicher nicht hilfreich wäre.
    Aber nach meinen Erfahrungen im Städel gibt es in allen großen Museen der Welt in mindestens 3 Sprachen gedruckte und auch virtuelle Bildführer {meist eine App}.
    Ebenso faszinierende Triptychons {oder heisst es dann Triptycha?} sind bei den alten Meistern (oberster Stock) im Städel zu sehen – zum Anfassen nah! Die meisten nicht so farbig, eher dunkel und mit den üblichen religiösen Motiven. Von Bosch besitzt das Städel ‚Ecce Homo‘ – hier der link dazu:
    http://www.staedelmuseum.de/de/sammlung/ecce-homo-um-1500
    LG Charis :)

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  3. Deiner Begeisterung für deinen „Pinselheld“ Bosch verdanke ich einen Denkanstoß. Ich habe mir nochmal die Liste der Symbole angesehen, die in den Gemälden von Hieronymus Bosch auftreten. Da fand ich: „Der Trichter, zumeist einer Person umgekehrt auf den Kopf gestülpt, steht für „Gemeinheit, betrügerische Absicht“ (der Träger des Trichters hat sich gegen den Himmel, das Auge Gottes abgeschirmt).“ Dazu die Stelle aus dem 1. Mose. Kapitel 3. Vers 8.: „Und sie hörten die Stimme Gottes des Herrn, der im Garten ging da der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinem Weib vor dem Angesicht Gottes des Herrn unter die Bäume im Garten.“

    Möglicherweise stammt das Schirmaufspann-Verbot aus diesem Zusammenhang. Unter einem Dach ist der Mensch ohnehin gegen Blicke von oben geschützt, weshalb eine zusätzliche Beschirmung als boshaft gilt.

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    1. Interessanter Gesichtspunkt: „Unter einem Dach ist der Mensch ohnehin gegen Blicke von oben geschützt“.

      Das heißt also, es ist empfehlenswert, nur in bedachten Räumen zu sündigen. Dann fehlt dem Allmächtigen der notwendige Einblick?
      (Das hat mir seinerzeit der lokale Stellvertreter im Beichtstuhl noch ganz anders erklärt. Logischer erscheint mir allerdings deine Interpretation ;-)

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      1. Wir haben gut Lachen, hier im Club der Häretiker. Aber vor vier Jahrzehnten knabberte die Ankündigung in meinen Eingeweiden, alles was ich täte würde von denen da oben mit Argusaugen beobachtet. Also nicht nur von Ihm sondern auch von den verstorbenen Großeltern und Urgroßeltern …
        Du liebes bisschen, dachte ich, dagegen ist das orwellsche 1984 ja ein rechter Scheißdreck! Zum Glück habe ich mich dann irgendwann wieder abgeregt. Sonst wäre ich wohl längst ein nervliches Wrack. Oder hätte mich mit dem Ablasshandel trösten und mich dabei finanziell ruinieren müssen.

        Mein Herren, was für ein Drückersystem!

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      2. Der Zirkel der frustrierten Betschwestern? Mein Respekt gegenüber Jules‘ Beiträgen ist über jeden Zweifel erhaben, wertes Annettchen!
        Ich überlege sogar, mir so einen Trichter zuzulegen als Symbol für meine abweichlerische Position. Vor ein paar Tagen besuchte ich die Münchener Auerdult, das Mekka aller Haushaltsadepten. Allein, es gab keine passenden Trichter für meinen Schädel.

        Du siehst, wir haben es nicht einfach, Deinem Bosch zu genügen. Welch Unglück!

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      3. „Das Mekka aller Haushaltsadepten“, die Auerdult? Ist es eine Bildungslücke, sie nicht zu kennen? Der Name erinnert mich an das Buch dieses Bloggers, Bov Bjerg, und daran, dass ich „Auerhaus“ unbedingt besorgen und lesen will. (Aber ich schweife ab.)

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      4. Eine Bildungslücke würde ich es nicht nennen, eher eine Erfahrungslücke. Die Auerdult ist der letzte traditionelle Jahrmarkt, den ich kenne. Noch frei von internationaler Vermarktung, ein echtes Volksfest; eines der letzten wahrscheinlich. Solltest Du Dir antun, wenn Du mal in München bist, zur rechten Zeit.

        (Und wenn Du irgendwann mal mit dem Auerhaus durch bist, leih es doch bitte weiter ;-)

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