Ja, ja. Bosch, Prado und Madrid habe ich abgeschrieben. Aber das bedeutet ja nicht, dass ich in kulturelle Tristesse versinken müsste. Wo doch das Gute liegt so nah! Einer der Vorzüge Frankfurts ist seine hohe Museumsdichte und vor allem ein beachtliches Bekenntnis zum Kultursponsoring. (Man muss ja nicht immer nur meckern über Finanzplätze.)
Die renommierte Schirn am Römer lädt noch bis Anfang Oktober ein zu einer Ausstellung mit dem Titel Der Farbholzschnitt in Wien um 1900. Kunst für alle.

Ich sag mal sehr platt: Wem die Unterhosen von Michel Platini gefallen, der geht auch mit mir in die Schirn, wenn es dort Buntes zu bewundern gilt. Holzschnitte sind zwar aktuell total aus der Mode gekommen, wenn ich das recht im Kopf habe. Aber ich habe eine Schwäche für sie und bin zuversichtlich, dass zumindest die McMahons diese teilen, wenn ich so an diverse Wohnungswandgestaltungen denke.

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Aber noch während ich diese Zeilen über Kulturtrips, Kunst und Wandgestaltung tippe, driften meine Gedanken weiter und ich merke, wie mir das plakative Startbild der Schirn, nämlich dieser Frauenakt von Karl Anton Reichel (siehe oben) nicht aus dem Kopf geht. Weil Akte finde ich aus Prinzip gut, ich mag das Thema. Und ich bin mir auch sicher, dass die Verantwortlichen der Schirn den Akt ganz bewusst ausgewählt haben. Weil sie damit das Gros der Leute, die Neugierigen wie mich, von vorne herein im Sack haben.

„Hieronymus Bosch, einer der ersten Pornographen?“

Schon vor einer Woche habe ich recht nebenbei eine Frage formuliert, die mich jetzt wieder einholt. War Bosch ein Pornograph? Und wenn nicht er, was ist dann zum Beispiel mit Egon Schiele? Diesem Gottvater aller verschwurbelten Aktfantasien? Den kennt ihr ganz bestimmt, und ich erinnere mich an eine seiner rasch dahin geworfenen Aktstudien, nicht zuletzt weil die bei einer guten Bekannten (natürlich nur als Nachdruck) im Badezimmer an der Wand hängt.

Onanierende Frau mit gespreizten Schenkeln, Egon Schiele
Onanierende Frau mit gespreizten Schenkeln, Egon Schiele

Schaust Du Pornos im Internet? Natürlich geht mich das einen feuchten Kehricht an, da hast du völlig recht. Und ich will dazu ganz bestimmt keine Antworten in den Kommentare lesen.
Aber wenn du schon mal geschaut hast, dann wirst du mir sicher recht geben: Solche Darstellungen wie die auf der Zeichnung von Schiele, die inzwischen hundert Jahre alt ist, gibt es heute als krass bis in die letzte Hautfalte ausgeleuchtete Fotografien an jedem Eck und Ende des xxx-Netzes. Bis zum Erbrechen. Sich befingernde Internetmädchen jeglicher Körperdimension kann man kostenlos ausdrucken, für das Original der onanierenden Schiele-Frau muss man allerdings eine halbe Million auf den Tisch legen.

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Mit diesen Hinweisen will ich beileibe keine Neuauflage der unendlichen Diskussion um die Frage „Was ist Kunst und was kann weg?“ anzetteln. Das wäre fruchtlos. Weil polarisierend, lagerbildend und gewiss niemals zu einem Konsens führend.

Eigentlich stelle ich nur mit einer gewissen Verwunderung fest, wie wenig sich die Bildsprache über Jahrzehnte, wahrscheinlich Jahrhunderte oder noch länger geändert hat. Lediglich die darstellenden Techniken sind andere. Und die öffentlich gesellschaftliche Akzeptanz und Wertschätzung haben sich weitgehend gewandelt.

Adam Connelly, 2002
Adam Connelly, 2002

An dieser Entwicklung zur Verschämtheit ändern auch Künstler wie Adam Connelly nicht viel, die der pornografischen Ästhetik den Weg in die Kunst ebnen wollen. (Connelly ist der mit den Ölbildern, die aus der Nähe betrachtet wie kubistische Farbkleckserei aussehen, und erst aus der Ferne betrachtet preisgeben, was wirklich zu sehen ist.)

Man braucht bloß einen kurzen Blick auf das Weltgeschehen zu werfen (AfD, Erdogan, Le Pen, Putin, Trump, …), um zu begreifen, dass die absehbare Tendenz zum Restriktiven kaum dazu führen wird, den Gesellschaften wieder mehr Gelegenheit zu Toleranz und Entspanntheit zu geben. Das meine ich ganz besonders in Bezug auf Kunst. Aber auch auf Sexualität.

Nachtrag, 2 Tage später: Den Nachweis, dass es früher tatsächlich einen anderen Umgang mit Nacktheit gab, erbringt übrigens die Nachbarbloggerin Sunflower in ihrem gründlich recherchierten Beitrag über nackte Brüste im historischen Europa. Lest das!

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6 Gedanken zu “Kunst für alle

  1. Reichels Holzschnitt ist wirklich hübsch. Trotzdem frage ich mich, was man sich in der Schirn gedacht hat, ausgerechnet ein Bild von Reichel zum Motiv für Plakat und Werbung zu nehmen. Zumindest wegen seiner Freundschaft mit Hitler und Röhm ist er eine dubiose Figur. Es gibt im Wiener Jugendstil doch genug andere Künstler. Wäre ich nicht so weit weg, käme ich trotzdem mit in die Ausstellung.

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  2. Du bist wie immer ein Quell an Wissen, Jules. Das mit der Nazi-Vergangenheit von Reichel wusste ich nicht. Jetzt bin ich erst recht gespannt, was da in der Ausstellung preis gegeben wird. Ich erzähl dann was darüber, damit du dich nicht grämst ;-)

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  3. Wiederhole ich doch ohnehin schon gebetsmühlenartig, dass wir finsteren Zeiten entgegen steuern. Also nicht nur politisch sondern vor allem gesellschaftlich-kulturell. Das wird nicht lustig für unsere Kinder, und ich möchte wahrlich nicht mit ihnen tauschen.

    „O tempora, o mores“, wie der Russe klagt …

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      1. Lass gut sein, Annette. Gerade versteht mich ohnehin kaum jemand.
        (Hat aber nichts mehr mit dem Tod meiner Mutter zu tun. Ich bin seit heute Morgen aus anderen Gründen unendlich frustriert, weil nichts, aber auch gar nichts so läuft, wie ich mir das ausgemalt hatte.)

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