Wie sollen Frauen heutzutage eigentlich aussehen? Genauer gesagt, wie sollen sie sich gestalten dürfen? Wenn sie gesellschaftlich akzeptiert werden wollen? Wenn sie vielleicht sogar Erfolg anstreben im Arbeitsleben oder auf ganz privater Ebene? Wenn sie, Gott bewahre, Maria hilf, der Herr sei mit ihnen, noch dem einen oder anderen Mann gefallen wollen?
Dass sie sich nicht unbedingt tätowieren lassen sollten, scheint wenigstens in meiner Sozialsphäre unumstritten zu sein. Aber wie sollen und dürfen sie sich sonst zurecht machen?

In einer kurzen Rücksprache mit der Leserin Charis habe ich schon mal erwähnt, was sich mein Arbeitgeber von mir wünscht: „Schultern bedeckt, keine Hosen, Kleider oder Röcke etwa knielang, Beine bekleidet, Schuhe geschlossen.“
Das war die Kurzfassung. Dazu kommen „dezentes Make-up, unauffälliger Schmuck“ und „gedeckte Farben bei der Kleidung, der Haartönung und der Schminke“. Es gibt übrigens (noch) keinen Passus zum Thema Tattoos in der Firmen-Policy.
Zusammengefasst also „ansprechend hergerichtet, präsentabel, aber nicht zu auffällig oder sexy“. Ich kann damit gut leben, weil diese Vorgaben rein zufällig auch meinen persönlichen Vorlieben entsprechen. Aber ob das die anderen Angestellten auch so sehen, das weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich noch niemanden über die Vorschriften nörgeln hören. (Für Herren gibt es übrigens auch einen Katalog, der zum Beispiel kurze Hosen, kurzärmelige Hemden und Ohrstecker verbietet. Nur so am Rande.)

Herrsche und style, DIE ZEIT, 21.07.2016
Ausriss, DIE ZEIT, 21.7.2016

Frauen, die im Rampenlicht stehen, haben es gewiss schwerer als ich. Kathleen Kennedy Townsend schreibt in einem ZEIT-Artikel1 von modischen Hürden für Politikerinnen. Das hört sich erst mal gar nicht so anders an als bei mir heute im Geschäftsleben. Aber was fehlt, sind klare Vorgaben. Den Damen bleibt nichts anderes übrig, als herum zu probieren und zu hoffen, dass das Ergebnis bei den Wählern ankommt.

Vor diesem Hintergrund empfinde ich es als Zumutung, dass Frauen in Ämtern sich mit Äußerlichkeiten herumschlagen müssen, um erst einmal auf gleicher Ebene mit männliche Kollegen anerkannt zu werden. Ich erinnere an die Polemik zu Angela Merkels Frisur oder ihrem (übrigens äußerst ansehnlichen) Dekolletee beim Opernbesuch, während ihr aktueller Vize soviel Wanst vor sich her tragen darf, wie er will, ohne dass das seine politische Qualifikation in Frage stellt.

Egal, ich will doch gar keine Gleichberechtigungsdebatte anzetteln, oder gar eine feministische Argumentation vom Zaun brechen. Das sind mir keine Herzensthemen.

Wichtig ist mir hingegen, der aktuellen Kandidatin die Daumen zu drücken. Ich hoffe sehr, dass Hillary Clinton nicht wegen weiblicher Attribute scheitert, die nicht nach dem Geschmack der Wählerschaft sind. Am 8. November, in 80 Tagen um die Welt, finden die US-Wahlen statt, und ich bete dafür, dass sich Hillary deutlich gegen den Mann mit der drittgeilsten Frisur nach Günter Netzer und Boris „Brexit“ Johnson durchsetzen kann. Gegen den, dessen Name nicht genannt werden darf. Uuuh!

°\°|°/°

1 Den Artikel gibt es anscheinend nicht online. Schade.

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8 Gedanken zu “Herrsche und style?

  1. Danke für die Erwähnung ;)
    im selben post mit den prominenten Damen Townsend, Merkel und Clinton … :D
    Ansonsten bin ich der gleichen Meinung – Frauen im öffentl. Leben wird eine zuweilen kuriose Aufmachung abverlangt, die gar nicht zum Typ passt. Rouge oder auch nur Lippenstift steht nicht jeder Frau, egal was die Kosmetikindustrie dazu sagt …
    LG von Charis
    {die sich äußerst selten schminkt, da ihr das nicht behagt und
    auch keine Lust auf tägliches Spiegelgrimassenschneiden hat}

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  2. Dank für die gut gewählte Überschrift!
    Um die Frage nach der „richtigen“ Kleidung für ein Amt oder eine Kanditatur oder auch eine bestimmte Branche in der Arbeitswelt werden wir nicht herumkommen. Kleidung hat eine Wirkung und sendet Signale. Egal ob wir sie bewusst einsetzen oder nicht.

    Beispielsweise eine weiße, kragenlose Bluse wirkt anders auf den Betrachter/die Betrachterin, als eine weiße Hemdbluse mit dem spitzen Kragen.

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  3. Die Vorgabe zu gedeckten Farben wie Schwarz, Dunkelblau oder Grau kommt aus dem Bereich des Machtausdrucks und des Herrschertums. Zum Beispiel Schwarz war als Kleiderfarbe bis in 19. Jahrhundert fürs gemeine Volk verboten, Schwarz war (ebenso wie Purpur) dem Adel und dem Priestertum vorbehalten. Denn Schwarz war mit den damals vorhandenen Naturfarben schwer herzustellen und galt als teurer Stoff, den sich nur die Mächtigen leisten konnten.

    Grau beispielsweise gilt in der Mode nach wie vor als zurückhaltend – die graue Eminenz im Hintergrund, die auf subtile Weise Macht signalisiert.

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  4. Und die ganze Welt der Rock- und Popmusik lebt vom Ausdruck durch das Styling, das mit der Kleidung gezeigt wird! Elvis Presley mit seinen opulenten Kostümen, David Bowie, Lady Gaga, Madonna, Prince, Kiss, Peter Maffay mit seinen Bikerjacken, Udo Lindenberg mit Brille und typischen Hut, Bob Geldof, Tina Turner, Beyonce, Lenny Kravitz …

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    1. Oh, liebe Rosenherz! Ich bedanke mich sehr für die vielen Denkanstöße zum Thema Kleidung und Style. Da gibt es vieles, woran man nicht mehr denkt, oder was ich zumindest gar nicht wusste. Zum Beispiel das mit der unifarben Vorgeschichte zu schwarz und anderen Farben.
      Danke Dir für die gern gelesenen Kommentare!

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