„Komm doch bitte mit, Annette.“ Sylvies Tonfall wurde quengelig. „Ich mag nicht alleine dahin gehen.“ — „Warum lässt du es dann nicht einfach, Sylvie?“ Ich mochte es nicht, wenn meine Freundin ständig nachtarockte, obwohl ich schon mindestens fünfmal nein gesagt hatte. Ich hatte einfach keine Lust auf diese bemühte Veranstaltung. — „Aber ich muss dort hin! Und du auch.“

So kam es also, dass ich mich mit Sylvie an einem Samstagabend um kurz nach neun in der Nähe des Frankfurter Südbahnhofes im Keller der Fabrik einfand, um an einer Ü40-Party teilzunehmen, einer Veranstaltung, der ich zutiefst ablehnend gegenüber stand. Aber ich kann eben sehr schlecht nein sagen, wenn mich Freunde um Gefallen bitten.
Ü40 also. Oder „Ü-Fetzisch“, wie das Sylvie mit ihrem lokalen Zungenschlag aussprach. Fetzisch wie vierzig, nicht etwa wie fetzig! Da war ich mir von vorn herein ganz sicher.

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Himmel hilf! Da standen wir beide nun an einem Stehtisch, Sylvie vor einem Weizenbier und ich mit einem Glas Grünem Veltliner. Wir taxierten die anderen Gäste. Viele Frauen in unserem Alter waren gekommen, manche zusammen mit Partnern, andere in Gruppen. Gegenüber männlichen Besuchern waren wir jedenfalls eindeutig in der Überzahl. Ich befürchtete, Sylvie würde es nicht leicht haben, sich einen Kerl zu angeln.
Trotzdem stürzte sie sich irgendwann ins Getümmel und ließ mich mit ihrem Bier und meinem Wein alleine.

Ich hasse es, auf Tanzveranstaltungen alleine oder mit einer anderen Frau unter Discolichtgewitter herum zu hopsen. Das finde ich entwürdigend. Die Männer stehen außen herum, begutachten die Weibchen, die sich in unangenehm zombiehafter Weise auf der Tanzfläche präsentieren. Ich bin doch keine verwesende Gans in der Metzgertheke!

Nach einiger Zeit gesellte sich eine Unbekannte zu mir, und wir begannen eine Unterhaltung. Sie hieß Max, war sicher ein paar Jahre jünger als ich und sah ziemlich gut aus. Markantes Gesicht, sehr kurzes blondes Haar, strahlend blaue Augen. Max lud mich auf ein zweites Glas Wein ein und verabschiedete sich erst, als ich kapiert hatte, was sie von mir wollte, und sie dezent darauf hinwies, dass sie mit mir ihre Zeit und ihr Geld verschwenden würde.
„Schade“, flüsterte mir Max ins Ohr, als sie sich mit einem Küsschen auf die Wange empfahl. Schade, dachte auch ich. Wäre Max ein Mann gewesen … tja, war sie aber nicht.

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Gegen halb elf sah ich ein paar junge Männer hereinkommen, und es dauerte keine zehn Minuten, bis einer von ihnen bei mir am Tisch stand. Er musste gut zehn Jahre jünger sein als ich, stellte sich als Alex vor und ging sofort ran wie Gebhard Leberecht von Blücher in der Schlacht an der Katzbach. Erst stellte er fest, dass ich ihm gefiel, dann sah ich „ziemlich heiß“ aus und sollte kurz danach preisgeben, ob ich Wäsche unter dem Kleid trug.
Wer mich kennt, weiß, dass ich solchen Jungs nicht widerstehen kann. Es stand zwar von vorne herein fest, dass ich nicht für viel Geld etwas mit diesem überheblichen Menschen anfangen würde. Aber ganz kampflos wollte ich ihn nicht wegschicken. Es kam zum Wortduell, in dem sich Alex ein paar schmerzhafte Schrammen holte und irgendwann die Lust verlor. Er verabschiedete sich auf die Toilette, von der er nicht wieder an meinen Tisch zurückkehrte.

Kaum war Alex verschwunden, tauchte Sylvie endlich wieder auf, mit neuer Bekanntschaft im Schlepptau. Ihre Mitbringsel waren allerdings keine Männer, sondern vier weitere Frauen unseres Alters, die sich mir als Chris, Melissa, Tina und Ursel-nein-nicht-Uschi vorstellten.
Keine der fünf hatte an diesem Abend Glück in der Liebe gehabt und so beschlossen wir, nach einem letzten Glas die Veranstaltung zu verlassen.

Gerade als wir gehen wollten, ein paar Minuten vor Mitternacht, kehrte jedoch unverhofft mein Freund Alex zurück. Anscheinend war er auch bei keiner anderen Frau gelandet.
„Was ist jetzt mit dir, Annette“, versuchte er noch einmal sein Glück, „kommste jetzt mit oder nicht?“ Immerhin konnte sich der Junge an meinen Namen erinnern.
Fünf Augenpaare starrten erst Alex, dann mich, dann wieder Alex an. Ich warf dem Kerl mein gewinnendstes Lächeln zu. „Mein lieber Alexander, ich möchte dir gerne eine Freundin vorstellen. Sylvie, das ist Alex. Alex, das ist Sylvie.“

Sylvie stierte Alex an, als habe sie nie zuvor ein männliches Wesen gesehen. Der zuckte schließlich nur die Schultern, legte Sylvie den Arm um die Hüfte und schob mit ihr in Richtung Ausgang davon. Ich war mir sicher, dass Alex innerhalb Stundenfrist herausfinden würde, ob Sylvie Unterwäsche trug oder nicht.

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Mit Sylvie war ich gekommen, mit Chris, Melissa, Tina und Uschi Ursel verließ ich die erste und gleichzeitig letzte Ü40-Party meines Lebens, um noch den einen oder anderen Absacker in den Kneipen Sachsenhausens zu trinken.

Das war vor zwei oder drei Jahren.

Dieser Abend und der folgende Vormittag, an dem wir uns alle unangemeldet bei Sylvie zum Brunch einfanden, gilt als der glückliche Geburtstag einer Gruppe von Hühnern Mädels Freundinnen, über die ich schon vor ein paar Wochen geschrieben habe.

Glücklich vor allen Dingen deshalb, weil ich nie mehr mit Sylvie auf Single-Partys gehen muss, dafür hat sie seither vier begeisterungsfähigere Begleiterinnen.

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3 Gedanken zu “Ü-Fetzisch

    1. Ja, genau so ist das: Lauter verzweifelte Menschen, und dazwischen ein paar Jäger, wie dieser Alex.
      Ich hab Sylvie nicht nach dem Kerl gefragt. Aber zumindest sah sie am nächsten Tag einigermaßen derangiert aus, was man als gutes Zeichen werten könnte ;-)

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